KW 28: Ab 10. Juli

Ab sofort möchte ich meinen Alltag im Studienleben hier Revue passieren lassen. Das ist der Versuch, einmal die Woche zusammenzufassen, was passiert, was mir im Alltag begegnet – eine Art Tagebuch, alltägliche Beobachtungen.

Lerntheke


Montag stehe ich nach zwei Stunden Schlaf auf – die Nacht davor auch nur drei Stunden gehabt – das bedeutet von Samstag bis Montag effektiv fünf Stunden geschlafen. Mein Zimmer versinkt immer mehr in Chaos, die Woche davor mit ihren Referaten verlässt deutlich ihre Spuren. Auf meinem Schreibtisch liegt die Arbeit zu meiner Lerntheke, die ich für ein Seminar in Germanistik entwerfen möchte. Das Seminar, das sich mit Mittelhochdeutsch (MHD) als »fremde Sprache« beschäftigt, wirft die Frage auf, wie man MHD auch einer anderen Zielgruppe vermitteln kann. Für gewöhnlich wird MHD an Universitäten anhand von Übersetzungsübungen sorgfältig eingeübt, doch die Dozentin hat mit ihrer Gruppe an der Uni Bochum ein Lehrbuch entwickelt, das einen anderen Weg geht: In ihrem Lehrbuch orientiert man sich an Werke von Fremdsprachen. Die Frage, die sie uns gestellt hat: Wie kann man MHD einer anderen Zielgruppe vermitteln? Für mich als angehenden Lehrer (Realschule, Deutsch) war klar, dass ich ein Konzept für eine imaginäre 5. Klasse entwickeln möchte. Da ich bereits einmal eine Lehrtheke im Englischunterricht erfolgreich erprobt hatte, wollte ich dies wiederholen. Die Lehrer unter uns wissen, wie aufwendig es ist, eine eigene Lerntheke zu entwickeln – hier könnte ich mich wieder in meinem Grafikprogrammen austoben. Doch ich unterschätzte den Aufwand gewaltig.

In der Lerntheke sollen die Schüler den Bären »Bärthold« unterstützen, dessen Prinzessin »Bärtha« vom bösen Drachen »Etzel« entführt wurde. (Etzel ist übrigens eine Figur aus dem Nibelungenlied, der Name leitet sich sprachhistorisch vom Hunnenkönig Attila ab.) Die Schüler sollen an den Stationen Punkte sammeln, damit sie den Endkampf in Form eines Kreuzworträtsels freischalten können – wer dieses bezwingt, bekommt eine Überraschung.

Den größten Aufwand stellte der Entwurf der Aufgaben dar. Dazu kam das selbstgesteckte Ziel, die Grafiken in Eigenregie zu entwickeln. Da aber die Zeit knapp war, griff ich auf einige lizenzfreie Bilder zurück.

An diesem Montag steht nun die Vorstellung der Lerntheke an. 17:15 Uhr – und ich habe nach all den Semestern immer noch nicht gelernt, nicht immer alles auf den letzten Drücker zu machen. Viele Grafiken müssen noch gemacht werden – dazu die Lösungsseiten. Nachdem ich gegen 08:00 Uhr aufgestanden bin, werde ich gegen 14:45 Uhr tatsächlich mit allem fertig – die Lerntheke kann in Druck gehen.

Das Seminar ist ein Glück nicht sonderlich groß: Insgesamt mit der Dozentin 9 Teilnehmer. Die Analyse der Lerntheke fällt kritisch aus (einige Dinge müssen noch überarbeitet werden), aber mit dem Ergebnis bin ich einigermaßen zufrieden.

Zuhause mache ich mir eine Pizza und falle mit leichten Kopfschmerzen tot ins Bett.

Die folgenden Tage

Dienstag komme ich kaum aus dem Bett heraus. Die Nacht habe ich sehr schlecht geschlafen, aber nun steht noch eine Hausarbeit an. Die Dozentin in Englisch besteht darauf, die Arbeiten bereits nächste Woche zu bekommen – für gewöhnlich haben wir für derlei Sachen immer bis September im Sommersemester Zeit. Sie fährt demnächst nach Arizona zurück und möchte daher schon die Arbeiten haben. Das Schreiben der Arbeit fällt mir dieses Mal sehr schwer: In der Germanistik bin ich es gewöhnt, ein Definitionskapitel zu schreiben. Ich kann nicht mit Wörtern hantieren, ohne ihre Bedeutung vorab zu klären. Die Dozentin möchte das aber nun nicht. Ich soll direkt diskutieren und zwei Bücher miteinander vergleichen. So setze ich beim Schreiben immer wieder an, möchte etwas niederschreiben, lösche es wieder. So geht es die ganze Zeit. 4.500 Wörter möchte sie haben. Es fällt mir unglaublich schwer.

Aus der Bibliothek habe ich mir ein Buch ausgeliehen: »A Student’s Writing Guide. How to Plan and Write Successful Essays«, ich blättere stichartig im Buch herum. »Um das alles gut anzuwenden, braucht es Übung«, geht es es mir durch den Kopf. In sieben Tagen das alles zu erlernen und gleichzeitig 4.500 Wörter zu verfassen, das ist einfach unmöglich. Im Gespräch mit einer Kommilitonin sind wir uns einig: So richtig Essays zu schreiben lernen wir im Studium nicht. Die Dozenten der Anglistik lassen uns Hausarbeiten schreiben, so nach dem Motto »macht mal«, und nun ist da diese Dozentin aus Arizona, die alles auf den Kopf stellt – was ich auch sehr begrüße. In den USA ist es nun so, dass man bereits in der High School das Schreiben von Essays in wöchentlicher Manier streng trainiert. Jede Woche gibt man ein Essay ab – etwas, das man im College dann perfektioniert. Wie es im Leben nun mal so ist: Übung macht den Meister, nur hier fehlt sie gerade. Ich bin stark versucht, die Hausarbeit nach deutschem Maßstab zu schreiben, d. h. Begriffe definieren und anhand der Definitionen diskutieren und bewerten. Ein guter Kumpel meinte einmal, ich solle meinen Perfektionismus ablegen. Bestehen sei die Devise – und eigentlich hat er auch recht. Mal schauen.

Frust

Mittwoch wirft ein Familienstreit mich aus den Arbeiten heraus. Ich muss ein Machtwort mit meiner Schwester sprechen, ein unschönes Ding. Es sammelt sich viel Frust an. Auch privat läuft es momentan alles andere als rund. Dann das Studium: Nächstes Jahr stellen sie meinen Studiengang ein. Wer bis dahin nicht fertig wird, wird exmatrikuliert. Ich muss noch einiges schaffen bis dahin – aber die Sorgen dazu lassen mich nachts nur schwer einschlafen. Finanziell wird das Studium auch immer schwerer zu stemmen.

Donnerstag schlafe ich dann vor Erschöpfung bereits gegen 19:30 Uhr ein – bis gegen 21 Uhr das Telefon klingelt. Eine Rostocker Nummer, die Uhrzeit – das kann nur die Arbeit sein. Völlig vermüdet suche ich meinen Dienstplan – und tatsächlich: Ich habe einen Bardienst. Es das zweite Mal innerhalb von zwei Monaten, dass mir das passiert. Davor ist mir das nie passiert, in all den vier Jahren, die ich dort mittlerweile arbeite habe ich keinen Dienst versäumt. Innerlich bahnt sich langsam aus Frust wegen aller Sachen eine Art Wut an. Eine Freundin bietet mir an, meinen Dienst anzunehmen, aber ich bin gerade zu frustriert, als dass ich darauf eingehen könnte. Der Dienst ist unheimlich stressig, es ist trotz Prüfungszeit unerwartet gut was los. Meine Hoffnung, um halb drei Feierabend zu haben, löst sich in jenen Moment in Luft auf, als man mir mitteilt, dass ich den Dienst einer Kollegin fortführen soll, die gesundheitlich etwas angeschlagen ist. Meine Hoffnung, pünktlich daheim und für den Folgetag wegen der Hausarbeit fit zu sein, stirbt. Zwei Bars sauber zu machen, das zieht ganz schön. So langsam komme ich in ein Alter, an dem ich die körperliche Belastung nicht mehr so wegstecken kann wie vor einigen Jahren. Mein Rücken schmerzt, meine Beine tun weh. Man merkt es in allen Knochen. So gehe ich langsam nach Hause, die Sonnenstrahlen fallen mir bereits ins Gesicht. Daheim setze ich mich auf mein Bett und denke über so vieles nach. Dann falle ich fast tot um und schlafe ein.

Freitag komme ich kaum aus dem Bett, alles tut mir weh. In diesem Moment wird mir klar: Du wirst kein Wort mehr heute für deine Hausarbeit schreiben. Mein Kopf ist einfach zu voll. Ich liege fast vier Stunden im Bett, spiele am Tablet herum, ehe ich mich aufraffe, um einkaufen zu gehen. Bei Kaufland hat sich wieder so eine Bettel-Gruppe des WWF positioniert, schön vor den Kassen. Alle wollen sie Geld haben, »Entschuldigen Sie, wir wollten nur kurz mit Ihnen über das Leid der Tiere sprechen«, wie interessant – ich drehe direkt um und fahre mit der Straßenbahn zum Penny. Mit meiner schlechten Laune betrete ich die Straßenbahn, schaue mich links und rechts um und laufe zielgerichtet von hinten nach vorne durch. Die Kinder halten mich tatsächlich für einen Kontrolleur und stempeln nachträglich ihre Karten ab. Als die Bahn dann losfährt und scheinbar doch keine Kontrolle stattfindet, ist deren Gesicht einfach nur zum Feiern.

Abends schalte ich dann tatsächlich ab. Es ist so eine »Mir-doch-egal«-Stimmung erwachsen. Ich werde der Dozentin nachher schreiben und vorsichtig fragen, was denn ist, wenn man die Hausarbeit wider Erwarten nicht schafft – ich bin gespannt.

Nächste Woche steht ein Blockseminar an, »Sprecherziehung, die dauerhaft belastungsfähige Stimme«, eine Pflichtveranstaltung, die ich fürs Staatsexamen benötige. Dienstag muss ich für die Kollegen ein Grillen ausrichten. Stress pur hier also alles momentan. Aber ein Glück sind schon seit Donnerstag bei mir offiziell »Semesterferien«, für dieses Semester bin ich mit allen Veranstaltungen durch. Immerhin das.

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