KW 29: Ab 17. Juli

»Sprecherziehung« ist Schlagwort der Woche. Als ich den Seminarraum für das anstehende Blockseminar betrete, erblicke ich die Kamera und mein Herz sackt mir in die Hose. Ich hasse es gefilmt und fotografiert zu werden. Für dieses Seminar wird es nun aber unabdingbar sein. Was tun? Ich beschließe, mich darauf einzulassen – nur aus den Herausforderungen lernt man gut was dazu. Wozu das Seminar?

Für Lehrer ist die eigene Stimme das Hauptwerkzeug. Überspitzt gesagt braucht man kein anderes Instrument als die Stimme. Sollte alles versagen, ob nun Kopierer, Beamer oder OHP, man kann den Schülern alles mit Worten erklären, sofern man das nötige Talent dafür besitzt. Da die Stimme zudem dazu dient, Autorität auszustrahlen, sollte ein jeder (angehender) Lehrer darüber Bescheid wissen, wie man Stimmtraining und -hygiene betreibt. Und das war nun Gegenstand des Seminars.

Mit dem Dozenten sitzen wir zu viert im Raum. Der erste Einsatz vor der Kamera ist ein Interview. Als ich gefilmt werde, fragt mich der Kommilitone, was ich über ›Bildung‹ denke. Eine Frage, zu der ich nichts zu antworten weiß. Man hätte mich auch gut fragen können, wie man den Weltfrieden erreicht. So aus dem Stegreif will mir keine Antwort einfallen. Zwar versuche ich so gut wie möglich zu improvisieren, aber als er merkt, dass ich darauf nicht so recht zu antworten weiß, stellt er eine andere Frage: »Denken Sie, Bildung sollte zentralisiert werden und nicht mehr Sache des Bundes sein?« Nun werde ich böse, denn wir sollten eher Fragen stellen, die uns genauer vorstellen – ganz nach dem Motto »Was treibt Sie im Studium an? Was motiviert Sie?« Und nun sitze ich erstmalig vor einer Kamera und werde mit so dämlichen Fragen konfrontiert, da reißt mir die Geduld – und das passiert sonst eher selten.

Im Laufe des Seminars müssen wir mehrere Reden halten. Es wird besprochen, wie Stimme entsteht, welche Organe beteiligt sind; Stimmprobleme; wie man Stimmangst überwindet; eine Rede aufbaut; … Dazu gibt es Stimmübungen, wir lernen Entspannungstechniken. Die Angst vor der Kamera war beim ersten Filmen dann nicht so recht vorhanden; sobald diese lief, habe ich alles um mich herum ausgeblendet. In einigen Punkten muss ich noch auf meine Atemtechnik achten – manchmal vergesse ich tatsächlich zu atmen und dann ist die Luft irgendwann weg … 😅

So gesehen war das Seminar wider Erwarten eine richtige Goldgrube, trotz anfänglicher Konfrontationen habe ich viel für mich mitnehmen können! Meine Mitschriften findet ihr hier zum Nachlesen (Rohfassung, mit dem iPad geschrieben, muss die Tage noch mal überarbeitet werden)

IM »Eule«

Rostock 1957. Ein Mädchen der 10. Klasse hat in einem Geschäft etwas geklaut und wird dabei erwischt. Während ihrer Vernehmung treten ein paar vornehm gekleidete Beamte mit einer scheinbar harmlosen Frage an sie heran. »Sie sind doch für den Frieden, oder?« Ein irritierter Blick ihrerseits: Welcher Mensch ist nicht für den Frieden? Vor allem: Was soll die scheinbar rhetorische Frage in einer solchen Situation? Sie nickt unsicher. »Sehr gut, dann hätten wir einen Auftrag für Sie«, und es wird klar: Die Männer sind von der Staatssicherheit und es findet gerade ein Anwerbungsversuch als »Informelle Mitarbeiterin« (IM) statt. Sie sagt zu.

Ungläubig lausche ich den Worten meines Dozenten. Er hat während des Seminars viel von sich berichtet. Viele seiner Freunde und all seine Geschwister sind in den Westen geflüchtet. Ob er als Dozent in der DDR in so einer hohen Position nicht im Visier der StaSi gestanden habe – eine Frage, die ihn herausfordert. Ganze 17 (!) IM waren auf ihn angesetzt, eine Information, die er seiner Akte entnommen hat. Insgesamt 278 Seiten ist sie dick. Mit der Aufarbeitung der sogenannten »StaSi-Diktatur« können Betroffene einen Antrag auf Einsicht stellen. Auch mein Dozent lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen. Wer einen Antrag stellt, muss sich jedoch erst einmal gedulden. So wird zunächst formell der Anspruch geprüft. Dann, wenn diese Bedingung erfüllt wird und eine Akte existiert, heißt es erst einmal »warten«. Die Akte wird von einem Mitarbeiter des BStU kopiert, sorgsam geprüft und sämtliche Namen geschwärzt, bis auf Decknamen. Dabei fällt dem Dozenten eine Person besonders auf:

IM »Eule«.

IM »Eule«, so der Dozent weiter, stach von allen besonders hervor. Dieser IM hat besonders gründlich Informationen geliefert und den Dozenten in einem so besonders guten Maße beschrieben, dass der Dozent selber meinte: »Ich habe mir geschworen, wenn ich rauskriege, wer das war, frage ich ihn nach meiner Zukunft, so gründlich kannte er mich.« Möchte man den Klarnamen einer Person erfahren, so muss man wieder einen Antrag stellen. Und nur, wenn es sich um einen Decknamen und damit um einen IM handelte, könnte man einen Antrag auf Den Klarnamen eines bestimmten IM stellen. Manchmal will man gewisse Dinge einfach nicht wissen, weshalb die Identität der IMs nicht auf Anhieb verraten wird.

Es muss schwierig sein, wenn man die Einträge der eigenen StaSi-Akte liest. Will man die Identität überhaupt erfahren? Der Dozent ist fest entschlossen. Ja, er will. Und das Ergebnis enttäuscht ihn: Es ist ein guter Freund aus dem Kollegenkreis, ein anderer Dozent. IM »Eule« hatte nach der Wende seine Tätigkeit als Dozent abgebrochen und ging in den Journalismus. In Heidelberg lief es nur nicht so gut wie erwartet, sodass ihn mein Dozent zurück nach Rostock holte. Er bot ihm auf freundschaftlicher Ebene sogar sein Büro an. Freilich berichtete er seinen Kollegen von IM Eule und dass er den Antrag auf Klarnamen gestellt habe. Der Kollege wich dabei aus und meinte stattdessen, man solle doch die Vergangenheit lieber ruhen lassen. Als alles herauskam, ging die Freundschaft zu Bruch und IM »Eule« zeigte sich uneinsichtig.

Besonders enttäuschend war nun die Tatsache, dass IM »Eule« nicht erpresst wurde, sondern die Informationen völlig frei vermittelte. Ohne Druck. Die Klassenkameradin wurde nach ihrer Missetat erpresst. Ein Schicksal, wie es gar nicht mal so selten in der DDR vorkam und weshalb ein IM zunächst nicht ohne genaueres Hintergrundwissen verurteilt werden sollte.

1981 endete die Akte des Dozenten plötzlich. Es kam zu einem Anwerbungsversuch der StaSi. Man hätte ihm eine Professorenstelle angeboten. Darüber hinaus hätte man seien Loyalität dem Staat gegenüber bemerkt, das wolle man honorieren. Und es kam wieder zu der magischen Frage: »Sie sind doch auch für den Weltfrieden, oder?« Doch mein Dozent wollte sich unter keinen Umständen vor den Karren spannen lassen und entgegnete: »Scheinbar haben Sie eine Information übersehen, sonst würden Sie nicht fragen. Ich bin Alkoholiker und ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich für Sie arbeite, dass ich dann rückfällig werde. Das wollen Sie sicherlich nicht, oder? Noch einen unfähigen Informanten, der an seiner Tätigkeit kaputt geht, den können Sie sicherlich nicht gebrauchen.« Darauf wusste der StaSi-Beamte nichts zu entgegnen und ließ ab. Er verfasste einen wohlwollenden Abschlussbericht derart, dass das scheinbare Alkoholproblem in der Akte nicht zur Sprache kam und die Aktion so dargestellt wurde, als hätte sie gar nicht stattgefunden. Damit wurde die Akte geschlossen.

Tauschhandel

Eine weitere Anekdote wusste der Dozent noch zu erzählen. Nach 15 Jahren gab es Ende der 80er-Jahre endlich einen Trabanten mit einem besonders guten Motor in der Ausstattung. Ein Freund war versessen darauf und bot ihm im August 1989 seine eigene Wohnung zum Tausch im Herzen von Rostocks Innenstadt an. Doch der Dozent schlug aus: Er hatte es gerade so geschafft, seine Wohnung mühsam mit Teilen aus dem Schwarzmarkt instand zu setzen. Noch mal von vorne wollte er nicht beginnen und schlug den Handel aus. Er tauschte den Trabbi in Berlin stattdessen gegen einen älteren Volkswagen. Und dann fiel wider Erwarten die Mauer und Immobilienmakler strömten in den Osten. Sie kauften unter anderem die Wohnung auf, die er hätte haben können – für gut 1.000.000 DM. Er ließ stattdessen seinen Volkswagen schätzen: Mehr als 1.500 DM hätte er dafür nicht bekommen. Doch nachträglich betrachtet ist er ziemlich froh, den Tausch mit der Wohnung nicht gemacht zu haben. So blieb er auf dem Boden, weshalb er nichts bereue.

Veröffentlicht von

Christian Dierks

Christian ist Student aus Rostock und interessiert sich für Typografie und Fotografie. Als Kind wollte er mal Kap Hoorn umsegeln – eines Tages soll dieser Traum Realität werden.

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