KW 30–32

Seit meinem letzten Eintrag sind nun weit über zwei Wochen vergangen. An einem Wochenende fand mein Geburtstag statt, die Woche darauf gab es ein Stimmungstief, weshalb mir entweder die Zeit zum Schreiben fehlte, oder mangels Kraft keine Motivation dazu vorhanden war.

Der Geburtstag war eher so »la la«, meine Freunde haben sich zwar super Mühe gegeben, aber irgendwas hatte gefehlt. Oder ist es die Tatsache, dass man immer älter wird und sich eine Ernüchterung einstellt? Ich weiß es nicht. Letzteres hoffe ich eher nicht, da mir Geburtstage persönlich sehr wichtig sind – mein persönliches Highlight des Jahres.

Naja. Nach Rücksprache mit anderen Betreuern darf ich nun doch etwas über meine derzeitige Ferienfahrt berichten, zu der ich auf Twitter schon ein wenig angedeutet habe.

Über eine gute Freundin habe ich gerade die Gelegenheit, an einer Ferienfahrt für Menschen mit Behinderung teilzunehmen. Schon vor der Fahrt war ich ziemlich nervös gewesen: In unserer Familie gibt es keinen entsprechenden Fall und damit keinen Berührungspunkt in der Sache. Auch wenn das Thema »Inklusion« in Schulen bereits angekommen ist, gibt es im Studium keinerlei Berührungspunkte zu dem Thema. Nervös war ich deshalb, weil ich bis vor der Fahrt nicht wusste, wie man mit solchen Menschen umgeht.

Das Thema an sich ist schon emotional aufgeladen: Darf man überhaupt sagen, dass die Leute »behindert« sind? Und ist es diskriminierend von »solchen Menschen« zu sprechen, ganz so, als handele es sich um eine andere Sorte Mensch? Ihr seht schon, das Thema ist unheimlich sensibel – und während ich hier meine Gedanken reflektiere, hoffe ich, dass nicht der Eindruck entsteht, ich würde Menschen mit Handicap als »geringer« ansehen. Das Gegenteil ist definitiv der Fall.

Vor Fahrtantritt werden mir zwei Personen zur Betreuung zugewiesen, eine davon mit Asperger-, die andere mit Tourette-Syndrom. Auf der Karte mit näheren Hinweisen lese ich, dass die beiden besondere Aufmerksamkeit in Hinblick auf die Körperpflege benötigen; Zähneputzen und Duschen werden bei den beiden gerne mal vernachlässigt. Sie agieren weitgehend selbstständig, aber bei genauerer Betrachtung offenbaren sich durchaus Defizite: Man muss sie in vielen Dingen anleiten. »Habt ihr Hände gewaschen?«, »Habt ihr schon Zähne geputzt?«, »Habt ihr schon etwas getrunken?« etc. … Die beiden Personen sind jeweils 20 und 23 Jahre alt, aber auf dem geistigen Niveau von 13-Jährigen mit dem Pflegebedarf eines Zweitklässlers. So fehlt nach dem Duschen von Person B das Unterhemd – emotional bricht für diese eine Welt zusammen. Erst mit einem Hinweis darauf, dass es ja noch weitere Unterhemden gibt, hellt sich die Stimmung auf. Viele Vorgänge, die für uns selbstverständlich erscheinen, müssen hier angeleitet werden.

Einen Morgen kommt es zu einem Konflikt zwischen der Person mit Asperger-Syndrom und mir: Sie verweigert auf meine Anweisung hin das Duschen. Ich signalisiere eindeutig, dass es erst nach dem Duschen das Frühstück geben wird, woraufhin ein Kleinkrieg zwischen uns ausbricht. So sitzen wir dann im Zimmer und schweigen uns an. Wer wird zuerst aufgeben? Mir stellen sich verschiedene Fragen in diesem Moment: Darf ich diese disziplinarische Maßnahme überhaupt durchführen? Ihr das Frühstück verweigern? Dazu kommt immer das Bangen, dass einer der anderen Betreuer herein kommt und die Aktion beendet, ohne dass sich die Person duschen muss – womit meine Autorität untergraben wird. Nach einer Stunde schließlich gibt die Person auf und geht sich duschen. Im Gespräch mit dem Teamleiter stellte sich dann heraus, dass es diese Person zuhause gewohnt ist, abends zu duschen. Seitdem sie nun abends duschen geht, gibt es keine Probleme mehr. Und hier sieht man: Menschen mit Asperger-Syndrom benötigen die Routine. Durchbricht man diese, fallen ihnen selbst einfache Abläufe unfassbar schwer.

Die Gegend hier ist super schön. Ich könnte mir sogar vorstellen, mich hier niederzulassen. Auch wenn ländliche Regionen in Mecklenburg-Vorpommern zuweilen strukturschwach daherkommen, als Lehrer findet man immer eine ausreichend gut bezahlte Stelle.

Doch bereits einen Tag, nachdem ich die Schönheit dieser Gegend in den Himmel gelobt habe, macht mich eine Sache stutzig: Wir sind auf dem Weg zum Badesee mit der gesamten Gruppe. An einer Stelle legen wir eine Pause ein, als ich in einem der gepflegten Gärten plötzlich eine Flagge mit den Farben Schwarz-Weiß-Rot und dem preußischen Adler ausmachen kann – hier lebt tatsächlich ein Reichsbürger. Gesehen bislang nur in den Medien, wird er nun vor meinen Augen Realität. Am See dann kann man die Blicke der anderen Badegäste wegen unserer Gruppe wahrnehmen. Eine größere Familie neben uns bietet sämtliche Klischees, die man sich nur vorstellen kann: Glatze, Adlertattoos auf dem Rücken, die an dunkle Zeiten erinnern, und hörbares Geläster über Behinderte und einen der Älteren, der die Schreie eines Autisten nachahmt. Und dann ein kleiner Junge, vielleicht vier Jahre alt, blond: Er erbietet seinem Vater einen Hitlergruß, ehe er ins Wasser hüpft. Ich glaube meinen Augen nicht zu trauen – habe ich mich vielleicht nur verguckt? Unheimlich ist der Besuch am Badesee in jedem Fall und ich kann nicht sagen, wie froh ich letztendlich bin, von dort weg zu sein.

Aber trotz allem: Die Kinder stecken voller Liebe und Großherzigkeit. Ich nenne sie Kinder, dabei sind es keine; sie sind meist volljährig. Die Tatsache, dass sie sich wie Kinder verhalten, lässt mich von ihnen so reden. Ihnen haftet etwas Unbelastetes an. Sie sind auch froh und wahnsinnig dankbar dafür, dass man sich für sie individuell Zeit nimmt. Ich bastle mit ihnen, spiele, fahre Tretboot und lese Geschichten vor. Ich mache mit ihnen Späße – und für einen Augenblick vergessen sie dann, was sie belastet.

Natürlich hat all das auch seinen Preis: Mir fehlt die Privatsphäre. Ständig muss man für die Kinder präsent sein; sie fordern die volle Aufmerksamkeit ein. Darüber hinaus muss man wegen ihrer Defizite unheimlich konzentriert sein, wenn sie sprechen. Viele haben Sprachprobleme und können sich nicht auf die Weise ausdrücken, wie sie es gerne möchten. Da muss man genau zuhören. All das den ganzen Tag lang, von morgens bis abends – da fällt man abends tot ins Bett.

Und so wird mir der Abschied am Samstag einerseits schwer fallen, anderseits werde ich aber auch froh sein, wieder für mich alleine sein zu können. Morgen noch, dann ist die Fahrt übermorgen schon wieder vorbei… Eine wahnsinnige Erfahrung für mich persönlich in jedem Fall, aber definitiv eine positive Bereicherung.

Veröffentlicht von

Christian Dierks

Christian ist Student aus Rostock und interessiert sich für Typografie und Fotografie. Als Kind wollte er mal Kap Hoorn umsegeln – eines Tages soll dieser Traum Realität werden.

2 Gedanken zu „KW 30–32“

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