Faszination am Unglück der Titanic

Am 15. April 1912 sank die Titanic in die Tiefen des Atlantischen Ozeans. Auch wenn es nicht die schlimmste maritime Katastrophe war, ist sie dennoch die populärste. Im Zweiten Weltkrieg sank die Wilhelm Gustloff und zog weit über 9.300 Menschen mit in die Tiefe – mehr Menschenleben gibt es bei keinem anderen Schiffsunglück zu beklagen. Und mit ihren fast 1.500 Todesopfern kann die Titanic sich nicht mit dem größten zivilen Schiffsunglück messen, das 4.400 Tote forderte. Trotzdem hält das Interesse in der Öffentlichkeit selbst nach 100 Jahren ungebrochen an. Warum?

Viele denken, dass die Vorgänge in der Nacht während des Untergangs dazu beigetragen haben: Die Klassenteilung, die sich auf die Rettung der Passagiere auswirkte, Menschen, die mit Würde dem Tot entgegen traten, Frauen in die Boote halfen oder bis zum Ende Musik spielten. Oder die vielen Mythen, die sich um das Schiff ranken, wie zum Beispiel die Geschichte der Titan, ein 1898 erschienenes Buch, das vom Untergang eines Schiffes berichtet, das während der Jungfernfahrt mit einem Eisberg kollidiert und sinkt. Nur für die Hälfte aller Passagiere stehen Plätze in den Rettungsbooten zur Verfügung. Und dass die Namen fast identisch sind, macht die Geschichte noch unglaublicher. Aber es gibt noch andere, nicht so stark beachtete Gründe für die anhaltende

Faszination am Untergang der Titanic

Glaube an den Sieg über die Natur

Die Titanic wurde zu einer Zeit erbaut, wo die Industrielle Revolution Ihren Höhepunkt erreichte. Als Teil der Olympic-Klasse stellte die Titanic neue Maßstäbe in Größe und Ausstattung in der zivilen Seefahrt dar, mit ihren damals beeindruckenden Ausmaßen verlieh sie ihren Erbauern das trügerische Gefühl, endlich über die Natur gesiegt zu haben. Wenn der Mensch in der Lage war, ein solch beeindruckendes Bauwerk zu erschaffen, das dazu noch schwamm und in der Lage war, sich selbstständig fortzubewegen, konnte es unmöglich sinken.

Der Mensch ist bestrebt, die Konstante des Zufalls auszuschalten: Der vorherrschende Zufall, der die Menschen immer wieder umgibt und heimsucht, war und ist verantwortlich für viele Tragödien. Durch Fortschritt und neue Technologien soll die durch den Zufall einhergehende Unsicherheit minimiert werden. Damit bedeutet ein Ausschalten des Zufalls, dass man sich in Sicherheit wiegen kann. Doch diese Annahme ist eine nie erreichte Utopie: Völlige Sicherheit kann und wird es nie geben. Das Streben nach Utopien muss zwangsweise in einer Katastrophe enden, so wie es am Ende bei der Titanic der Fall war.

So kam es, dass man bei einer Vorstellung des Schiffes vor Reportern die Technologie eines sogenannten „Schottsystems“ als besonderes Sicherheitsmerkmal hervorhob. Einer der Reporter formulierte es später so: Das Schottsystem mache das Schiff faktisch unsinkbar; selbst bei einem Leck wird durch eine Abschottung schlimmeres verhindert. Die Öffentlichkeit überlas das „faktisch“ und machte die Titanic ohne jeden Zweifel unsinkbar. Dass dieses Schottsystem nur bedingt vor Wassereinbruch schützen konnte, ahnte zu dem Zeitpunkt vor der Jungfernfahrt keiner.

Umso größer war die Überraschung, als am 15. April die New York Times den Untergang der Titanic titelte. Die Kommunikation erfolgte zu der Zeit noch per Telegrafie, und es dauerte Stunden bis Tage, ehe sich eine Nachricht über große Distanz verbreitete. Als dann die Meldung kam, dass die Titanic von einem Schlepper nach Halifax geschleppt werde und alle Passagiere wohlauf seien, wurde die Nachricht der Times schnell als Ente abgestempelt. Immer noch zweifelte keiner an der Sicherheit und Unsinkbarkeit der Titanic. Einen Tag später dann die Ernüchterung: Bei dem abgeschleppten Schiff handelte es sich nicht um die Titanic, sondern um einen Frachter, der ebenfalls verunglückte. Die Titanic sei doch gesunken, die Überlebenden würden am 18. April mit der Carpathia in New York eintreffen – der Schock der Öffentlichkeit war groß.

Von da an war klar: Die Natur bezwungen zu haben, war ein Trugschluss. Die Gewalt der Natur über den Menschen wird sich nie eindämmen lassen – das war eine wichtige Lektion für die Menschheit.

Das Ende einer Ära

In seinem Buch „A Night to Remember“ greift Walter Lord einen weiteren interessanten Gedanken auf:

Die nie enden wollende Abfolge der Desillusionierung, die darauf folgte, kann nicht der Titanic zugeschrieben werden, aber sie ist ein Anfang. Vor der Titanic war alles friedlich. Was darauf folgte, war Aufruhr. Deshalb markiert der Untergang der Titanic für die Menschen ihrer Zeit wie kein anderes Ereignis das Ende einer Ära, auf das eine unerträgliche Zeit folgte. (Übersetzung aus dem Englischen durch den Autoren)

Mit dem Untergang der Titanic neigte sich auch das Viktorianische Zeitalter dem Ende entgegen, auf das mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges eine Epoche voller Leid und Elend begann, die erst mit dem Zweiten Weltkrieg zumindest in Europa vorerst ein Ende finden sollte. Die Titanic selbst war Ausdruck eines Gesellschaftssystems, untergliedert in einem streng hierarchischen Klassensystem. Das Fernsehen existierte noch nicht, dennoch interessierte sich die Öffentlichkeit für das Leben der Reichen und Schönen. Über Zeitungen wurde vom Leben der High Society berichtet. Und so war es schon beinahe eine Selbstverständlichkeit, dass an Bord der Titanic das Who is Who der Reichen zur Jungfernfahrt des Schiffes zusammenkam – jenem Schiff, das Ausdruck des größtmöglichen Luxus seiner Zeit darstellte, etwa vergleichbar mit der Eröffnung des teuersten Hotels in Saudi Arabien in unserer Zeit. Das Ereignis wollte man sich nicht entgehen lassen, weshalb damalige Größen wie John Jacob Astor oder Benjamin Guggenheim an der Reise teilnahmen. Sie starben, Seite an Seite mit der Belegschaft und Passagieren niedriger Klassen, und symbolisieren ebenfalls den Untergang des Interesses an den Reichen. Denn mit Ende des Ersten Weltkrieges und dem Einzug der Cinematografie und der Einführung des Fernsehens ließ dieses Interesse an Reichen zugunsten der Schauspieler und Stars aus gewöhnlichen Verhältnissen stark nach.

Und so darf es nicht verwundern, wenn man sagt, dass nach dem Untergang die Welt nicht mehr wie vorher war. Man kann den Vorgang mit der Entwicklung eines Kindes vergleichen, das zunächst liebevoll umsorgt und dann aus dem Nest geworfen wird – hinausgestoßen in die kalte, grausame Realität. Mit dem Untergang ging die Sorgenfreiheit des Viktorianischen Zeitalters verloren, einem gelebten Traum, hin zu den grausamen Erfahrungen der großen Kriege, eine Zeit der Desillusionierung einer ganzen Generation.

Sicherlich sind die hier aufgeführten Gründe nicht ausschließlich am großen Interesse des Untergangs der Titanic zurückzuführen, aber sie tragen ihren Teil dazu bei. Sie finden dabei meist kaum Erwähnung, auch wenn sie ein wichtiger und ausschlaggebender Grund sind, überhaupt die ersten Jahre überdauern zu können. Wie dem auch sei: Das starke Interesse der Öffentlichkeit wird so schnell nicht nachlassen und die Titanic im Gedächtnis der Mensch auf längere Zeit erhalten bleiben, als Spiegel ihrer Epoche – einer Welt, die seitdem nicht mehr ist, wie sie einmal war.

Veröffentlicht von

Christian Dierks

Christian ist Student aus Rostock und interessiert sich für Typografie und Fotografie. Als Kind wollte er mal Kap Hoorn umsegeln – eines Tages soll dieser Traum Realität werden.

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