Du und ich

Du

Das Referat ging gerade zu Ende, alle sind fast eingeschlafen. Lediglich deine Hand schnellte nach oben, du hattest noch eine Frage. Sie ist gut gestellt, zugeben, aber so fernab des Themas, dass man fast glauben möchte, du wolltest dem Referenten eine Grube graben, um beim Dozenten zu punkten. Der freut sich nun deinetwegen, eine wissenschaftliche Herausforderung – Ziel erreicht. Mit der Promotion dürfte klappen, wenn du nur weiter am Ball bleibst, weitere Kurse des Dozenten besuchst und in deinem Eifer nicht nachlässt.

Nach dem Seminar sitzt du alleine in der Mensa, deine Freundinnen haben mal wieder keine Zeit, da sie mit Schatzi was für die eigene Wohnung kaufen oder irgendeine Katze zum Tierarzt bringen müssen, sich in Wirklichkeit aber im Bett amüsiert Befriedigung verschaffen. Du sitzt da nun, völlig verbittert und unbefriedigt, und weißt, dass der Höhepunkt deines heutigen Abends darin besteht, stundenlang Hausaufgaben in deinem dunklen Zimmer abzuarbeiten, zu einem Glas Wasser und Salatgurken als Snack.

Du brauchst keinen Freund, nein. Du bist mit deinem Erfolg verheiratet, und Gefühle Zeigen ist ein Zeichen von Schwäche. Wer Schwäche zeigt, kommt nicht weiter im Leben. Sollen die anderen sich doch bloß unzivilisiert die Birne wegsaufen und Gesellschaft pflegen, du wirst diejenige sein, die in Bewerbungsgesprächen punkten kann, da du in den Semesterferien die passenden Seminare zu Assessmentcenter und Selbstcoaching erfolgreich absolviert hast. Du wirst ein Leben im Wohlstand führen, gewiss, aber der Preis, den du zahlen wirst, ist Einsamkeit.

So liegst du abends im Bett und wirst tatsächlich etwas nachdenklich: »Soll das etwa alles gewesen sein?« Doch nein, den Gedanken lässt du gar nicht erst an dich ran. So schläfst du ein, alles wiederholt sich Tag für Tag, auf diese und ähnliche Weise, nur um spätestens am Totenbett feststellen zu müssen, dass in deinem Leben der Sinn gefehlt hat, denn der bestand generell einfach nur darin, glücklich zu sein. Dein Beruf wird dann lediglich dein Glück gewesen sein, aber nicht deine Hand halten können, wenn du für immer einschlafen und zur Vergangenheit gehören wirst. Niemand wird sich dann an dich erinnern. Keiner.

Ich

Dieses Seminar ist der letzte Dreck. Dabei interessiert mich das Thema total. Der dumme Dozent lehnt sich entspannt zurück und überlässt die Seminargestaltung lieber dem Kurs selbst. Und was haben wir davon? Schlecht vorbereitete Referate, bei denen man schon nach kurzer Zeit einschläft. Der Referent ist ebenso unmöglich vorbereitet und trägt Wissen vor, das man locker bei Wikipedia hätte nachlesen können. Eventuell hat er es sogar – und niemandem fällt es auf. Oder keiner sagt etwas, je nachdem. Am Ende reicht es mir, ich stelle bewusst eine Frage, die er garantiert bei Wikipedia nicht nachlesen konnte. Wenn er das Thema verstanden hat, wird er es auch so beantworten können. Aber nein, natürlich nicht. Er konnte die Frage nicht beantworten. Das war vielleicht nicht ganz fair, aber wenn er sich schon für das Thema nicht interessiert (was in anderen Seminaren bereits der Fall war), sollte er sich ernsthaft überlegen, ob er überhaupt das richtige studiert. Und es ist völlig in Ordnung, im Studium zu feiern. Das gehört dazu. Das Studium selbst sollte aber nicht leiden. Vor allem sollten sich alle untereinander aufeinander verlassen können, aber das ist in diesem Moment überhaupt nicht der Fall.

Ein Blick aufs Handy verrät mir, dass Ina schon wieder nicht zur Mensa kommen wird. Denselben Fehler habe ich mit Frederik auch gemacht, die Mädels oft sitzen lassen. Kein Wunder, dass sie auf Distanz gegangen sind. Tief in meinem Innern ärgere ich mich darüber. Aber was soll man machen? Für Entschuldigungen ist es nun zu spät. Ja, Frederik fehlt mir. Die Trennung habe ich immer noch nicht überwunden. Nach 1,5 Jahren würde man eigentlich meinen, ich könnte ihn endlich ganz vergessen, aber das Gegenteil ist der Fall. Wir haben uns böse gestritten, er hat mich sogar fett genannt – aber wenn ich nur gut genug abnehme, wird er mich vielleicht zurücknehmen. Meine Freundinnen meinten zwar schon, dass ich ohnehin zu dünn war, aber was wissen die schon großartig?

Schon in der Schule habe ich mir geschworen, dass ich ein besseres Leben führen werde. Dass ich es besser machen würde als meine Eltern, die arbeitslos waren. Sie hatten nie Geld, das hat man oft zu spüren bekommen. Meinen Kindern soll es daher mal besser gehen, dafür arbeite ich hart. Qualifiziere mich selbst in dem Semesterferien, gehe nebenbei arbeiten – und ich weiß, das wird sich auszahlen. All der Stress und all die Entbehrungen, das muss sich irgendwann auszahlen?

Das Leben ist schon hart genug. Eigentlich versuche ich schon, es allen recht zu machen, aber das ist völlig unmöglich. Das Leben ist dumm, es ist ungerecht und ständig kommt einem der Zufall in die Quere. Wenn ich falle, stehe ich wieder auf. So geht das immer wieder. Es macht einen irgendwie verbittert, klar – aber die Hoffnung, die stirbt zuletzt.

Veröffentlicht von

Christian Dierks

Christian ist Student aus Rostock und interessiert sich für Typografie und Fotografie. Als Kind wollte er mal Kap Hoorn umsegeln – eines Tages soll dieser Traum Realität werden.

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